Warum wir oft zu lange auf toten Pferden reiten
„Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“
Das „tote Pferd“ ist eine hervorragende Metapher für den Wandel der Arbeitswelt. Denn allzu häufig wird krampfhaft an Dingen festgehalten, die einen kein Stück mehr weiterbringen. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, warum man von einem toten Pferd absteigen sollte.
Ist es nicht verrückt, immer das Gleiche zu tun und dabei zu hoffen, dass sich etwas ändert?
Das sprichwörtliche tote Pferd kann der Job sein, der nicht mehr passt. Genauso gibt es aber auch Beziehungen, die uns vielleicht schon viel zu lange nerven und unzufrieden machen, Freundschaften, die nicht mehr passen. Hobbies, die nicht mehr in unser Leben gehören oder eine Wohnsituation, die wir eigentlich dringend verändern müssten.
Und im Unternehmenskontext gibt es häufig genug Prozesse, die längst nicht mehr effizient sind. Produkte, die keiner mehr nachfragt. Routinen und Rituale, die keiner mehr braucht. Kunden, die nur Zeit verschlingen, aber keinen Mehrwert bringen usw. Leider wird allzu häufig Vermeidung als Verhalten gepflegt und es fehlt sowohl an Realitätsbewusstsein als auch an proaktivem Handeln. Umsetzungsorientierung sucht man häufig vergeblich.
Kein Wunder, dass mittlerweile aufgrund vieler Versäumnisse Krisenmanagement angesagt ist.
In diesen Tagen merke ich bei vielen meiner Kunden, dass es Zeit wird sich von einigen Dingen zu lösen. Manche von ihnen sind sich dessen bewusst, manche nicht und viele wollen es einfach nicht wahrnehmen.
Heute geht es um die Kunst des Absteigens vom Pferd. Um die Kunst des Loslassens. Dahinter steckt die Weisheit, die angeblich auf die Dakota Indianer zurückgeht. Nämlich: Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab!
Was mir besonders in diesen herausfordernden Zeiten auffällt, ist das folgende:
Viele versuchen, dieses tote Pferd mit einer noch stärkeren Peitsche anzuspornen. Oder mit einem neuen Reiter oder gleich mehreren neuen Reitern zu versuchen. Um dann doch irgendwann an den Punkt der Erkenntnis zu kommen, der eigentlich schon viel früher hätte da sein müssen: es ist Zeit abzusteigen.
Vor allem in Deutschland, das ist mein Eindruck, scheint es als eine Art Tugend zu gelten, dass man das tote Pferd nicht einfach aufgibt, sondern stoisch weitermacht, obwohl längst klar ist, das wird nichts mehr werden. Sich nicht zu bewegen, Dinge einfach laufen zu lassen, nichts zu verändern, scheint hier als falsch verstandene Tugend besonders verbreitet zu sein.
Mir stellt sich die Frage, was das mit dem deutschen Charakter zu tun hat. Das soll aber nicht Thema dieses Newsletters sein.
Der Begriff „totes Pferd“ stammt ursprünglich aus den USA und wurde durch die Dakota Indianer populär. „Totes Pferd“ ist heute ein Synonym für alles, was nicht mehr funktioniert, aber dennoch weiter aufrecht gehalten wird.
Im Nachhinein betrachtet ist das ja für viele oft eine klare Sache: Das Pferd war längst tot. Warum bin ich nicht schon vorher abgestiegen?
Vielleicht sitzen Sie ja auch gerade auf einem Pferd, das sich schon ziemlich lange nicht mehr bewegt hat und Sie fragen sich, warum es Ihnen so schwer fällt abzusteigen?
Hier will ich einmal ein paar Gründe auflisten, die bei dem ein oder anderen dazu führen können, ein totes Pferd weiter zu reiten … :
#1 Sie haben noch nicht bemerkt, dass Ihr Pferd tot ist
Das ist natürlich doof, aber kann passieren! Vor allem bei denjenigen, die sehr anpassungsfähig sind und ein starkes Durchhaltevermögen haben.
Die negative Formulierung davon wäre „Aussitzen“. Dann geschieht nämlich genau das: Sie bleiben einfach stoisch sitzen und „halten durch“ (in Ihrem Job, in Ihrer Partnerschaft oder auch in anderen Themen wie beispielsweise bei politischen und gesellschaftlichen Themen). Dabei merken Sie garnicht, dass der Zug bereits längst abgefahren ist und mit bestimmten Themen kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Es fehlt an Realitätsbewusstsein.
#2 Sie wollen einfach nicht wahrhaben, dass Ihr Pferd tot ist
Das sehe ich sehr häufig, bei Menschen jeglicher Couleur und unabhängig vom IQ. Auch Führungskräften passiert das. Dahinter stecken dann nochmal ganz andere mentale Mechanismen. Und es gibt die verschiedensten Möglichkeiten, mit denen versucht wird, das Offensichtliche zu ignorieren und zu überspielen:
- Sie tun so, als wäre nichts
- Sie trotzen und werden zynisch
- Sie lästern über die, die der Realität ins Auge sehen und Dinge verändern
- Sie lästern über die, die klare Veränderung fordern
- Das Sahnehäubchen der Selbstverleugnung: Sie erzählen allen, wie toll Ihr (totes) Pferd ist. Muss man ja nur in die Politik schauen, da gibt es ja einige ausgeprägte Exemplare davon.
- Sie erzählen sich selbst jeden Abend, wie viel Spaß es macht, das (tote) Pferd zu reiten.
- Sie warten ab. Vielleicht muss man ja nur noch länger warten …
#3 „Man“ erwartet von Ihnen, dass Sie durchhalten
Was sollen die anderen denken, wenn Sie jetzt hier absteigen?
Stehen Sie dann als einziger ohne Pferd da?
Wie wird man wohl über Sie sprechen, lästern, urteilen?
#4 Sie warten, bis das perfekte neue Pferd vorbeikommt
Die wenigsten trauen sich beispielsweise einen Job zu kündigen, der sie schon lange unglücklich macht, ohne einen neuen Arbeitsvertrag in den Händen zu halten. Das kann ja durchaus sinnvoll sein. Vor allem wenn man einiges an Fixkosten und auch Familie zu ernähren hat. Aber: Manchmal müssen wir Platz machen, bevor etwas Neues in unser Leben kommen kann! Veränderungen funktionieren nur, wenn wir nicht abwarten, sondern rechtzeitig loslassen.
#5 Sie haben Angst
Die meisten Menschen haben mehr oder weniger Angst. Angst vor Veränderung. Angst vor Neuem. Angst davor, dass kein besseres Pferd mehr kommt oder – noch schlimmer – dass gar keines mehr kommt. Das ist sehr verbreitet. Damit wird nur leider auch klar, dass der Optionsspielraum danach kleiner wird.
Erkennen, dass das Pferd tot ist
Manchmal ist es offensichtlich, dass ein Projekt, eine Strategie oder sogar ein ganzes Unternehmen den Geist aufgegeben hat. Aber oft sitzt man auf dem toten Pferd und reitet munter weiter, als wäre nichts geschehen. Das kann jedem mal passieren. Ich will mich dabei auch garnicht ausnehmen.
Aber das Wichtige ist, das rechtzeitig zu erkennen. Und vor allem nicht zu einem Habitus werden zu lassen.
In vielen Unternehmen scheint es schwierig zu sein, sich von diesem Habitus zu trennen. Das Vermeidungsverhalten überwinden sollte idealerweise adressiert werden und Realitätsbewusstsein gefördert werden.
Was dann stattdessen jedoch viele tun, ist dann noch mehr von dem zu tun, was nicht mehr funktioniert, wie beispielsweise:
- Wir ändern einfach die Kriterien, nach denen wir definieren, ob ein Pferd wirklich tot ist
- Wir behaupten, „Kein Pferd kann so tot sein, dass wir es nicht mehr reiten können.“
- Wir kaufen dem Pferd noch besseres Futter bzw. verdoppeln einfach die Futterration
- Wir sagen, so haben wir das Pferd schon immer geritten und dazu gibt es auch keine weitere Diskussion. Punkt
- Wir modernisieren den Stall
- Wir vergrößern den Verantwortungsbereich für tote Pferde
- Wir entwickeln ein tolles Motivationsprogramm für tote Pferde
- Wir machen eine Umstrukturierung und ein anderer Bereich bekommt das tote Pferd
- Wir kaufen uns externe Berater ein, die angeblich tote Pferde reiten können
- Und auch besonders beliebt: wir bilden eine Arbeitsgruppe um das tote Pferd wiederzubeleben.
Wie erkennt man also, dass es Zeit ist abzusteigen?
Viele Führungskräfte halten an Themen fest, obwohl längst klar ist, diese Pferde sind bereits tot. Sie halten an Dingen fest nur um des Durchhaltens willen. Meist jedoch in der Kombination mit dem dahinterliegenden Motiv der Vermeidung und der Angst vor Unsicherheit und Veränderung.
Hier ist es wichtig für sich zu erkennen: im Kern geht es hier um nichts anderes als die Vermeidung von längst überfälligen Veränderungen. Das ist interessant auch angesichts dessen, da es in den letzten Jahren doch in vielen Unternehmen Mode war, sich in Veränderungsmanagement Trainings und Workshops fortzubilden.
Für manche mag sich das so anfühlen, als würden sie jetzt einfach nochmal richtig Gas geben wollen, um damit das Durchhalten zu rechtfertigen.
Es ist allerdings eine Selbsttäuschung.
Denn es ist bei vielen schlichtweg die Vermeidung, etwas zu loszulassen und neue Schritte zu gehen.
Die Kunst des eleganten Absteigens
Erstmal Glückwunsch! Wenn Sie nun erkannt haben, bei welchen Themen es Zeit wird loszulassen. Proaktives Handeln ist jetzt angesagt. Umsetzungsorientierung.
Wichtig ist für sich zu erkennen, was ist denn das Motiv, weshalb ich oder weshalb wir versucht hatten das tote Pferd noch weiter zu halten.
War es reine Bequemlichkeit und Gewohnheit? War es Resignation?
Oder eher Angst davor etwas loszulassen und Angst vor dem Neuen?
Es ist hilfreich und wichtig für sich zu erkennen, was der Grund dahinter ist.
Denn damit wissen Sie auch, wo Sie ansetzen müssen, damit etwas in Bewegung kommt.
Es beginnt mit der ehrlichen Selbstreflexion und dem Eingeständnis, dass der eingeschlagene Weg nicht mehr zielführend ist.
Manchmal braucht es das sofortige Handeln, kein weiteres Aufschieben und kein langwieriges Planen, denn jeder weitere Tag würde eine Situation weiter verschlechtern. Kein Wunder, dass bei vielen Krisenmanagement angesagt ist. Sie haben schlichtweg zu lange gewartet.
Wenn das Pferd noch nicht zu lange tot ist, dann braucht man nicht unbedingt abrupt zu handeln. Dann empfiehlt es sich, einen strukturierten Übergangsplan zu entwickeln. Und im Zuge dessen offen mit allen Beteiligten dazu zu kommunizieren. Klartext zu sprechen.
Gleichzeitig gilt es proaktiv nach neuen Wegen zu suchen.
Allerdings keine weitere Prokrastination. Klares Handeln ist angesagt und sofort in die Umsetzung gehen.
Nur wer Verantwortung für seine Entscheidungen übernimmt und mit Integrität handelt, kann dann auch mit Respekt und Unterstützung für die Veränderung rechnen.
Wer hingegen herumlaviert, keine klaren Schritte der Veränderung unternimmt, kann nicht ernst genommen werden.
Es ist nun mal auch so, dass die notwendigen Veränderungen nicht jedem gefallen werden. That´s part of the game.
Was ja insbesondere aktuell doch von einigen gerne praktiziert wird, ist dann Schuldige zu suchen, um die Verantwortung für das Nicht-Handeln nicht zu übernehmen.
Dafür gibt es allerdings keine Entschuldigungen.
Wer keine Chuzpe hat und kein Rückgrat und Verantwortung nicht übernehmen kann und notwendige Veränderungen nicht in die Umsetzung bringt, kann auch nicht ernst genommen werden.
Und ist darüberhinaus schlichtweg eine Fehlbesetzung für jede Führungsrolle.
